Warum Vermögensplanung nicht mit dem richtigen ETF beginnt
Die meisten Finanzentscheidungen werden ohne den wichtigsten Kontext getroffen: die eigene Lebenssituation. Welche Versicherungen sinnvoll sind, wie viel Risiko tragbar ist, worauf der Fokus ausgerichtet sein sollte – all das hängt davon ab, in welcher Phase unseres Lebens wir uns gerade befinden. Ein Überblick über die wirtschaftswissenschaftliche Forschung dahinter – und was das konkret für unsere Finanzen bedeutet.

FelixFür viele Menschen beginnt die persönliche Finanzplanung zunächst mit ganz pragmatischen Fragestellungen: Welches Konto ist das richtige für mich? Welche Versicherungen brauche ich? Wie richte ich einen ETF-Sparplan ein? Welche Aktien versprechen die höchste Rendite? Das ist nicht falsch, greift aber zu kurz.
Ich finde: Persönliche Vermögensplanung sollte ganzheitlich ausgerichtet sein und sich an der individuellen Lebenssituation orientieren. Die erste Frage, die man sich vor jeder Finanzentscheidung stellen sollte, lautet daher: Wo stehe ich gerade im Leben? Was ist mir wichtig? Welche Risiken muss ich in meiner aktuellen Lebensphase absichern? Was möchte ich finanziell in den nächsten Jahren erreichen?
- Finanzentscheidungen ohne Lebenskontext greifen zu kurz – die eigene Lebensphase bestimmt, welche Risiken relevant sind und welche Prioritäten gelten.
- Die Lebenszyklushypothese (Modigliani, 1954) erklärt, warum Menschen ihr Spar- und Konsumverhalten am langfristig erwarteten Einkommen ausrichten – nicht am aktuellen.
- Behavioral Finance zeigt: Selbst wer es besser weiß, handelt oft irrational – Present Bias und Verlustaversion beeinflussen auch finanzielle Entscheidungen.
- Drei Lebensphasen, drei Schwerpunkte: Fundament legen und absichern – Vermögen aufbauen – Vermögen entnehmen.
- Es gibt keine universelle Finanzlösung. Was mit 25 richtig ist, kann mit 52 falsch sein.
Was sagt die Forschung?
Jede Lebensphase zeichnet sich durch unterschiedliche finanzielle Rahmenbedingungen aus, die mit typischen Chancen sowie Risiken verbunden sind. Auch das Konsum- und Sparverhalten passt sich an die individuelle Lebenssituation an und kann sich im Laufe eines Lebens stark verändern.
Diese Erkenntnisse verdanken wir jahrzehntelanger Forschung, aus der unter anderem die Lebenszyklushypothese, die relative Einkommenshypothese sowie die permanente Einkommenshypothese hervorgegangen sind.
Die bereits in den 1950er Jahren entwickelte Lebenszyklushypothese („Life-Cycle Hypothesis") gilt als eines der wichtigsten Ergebnisse dieser Forschung, für die der Hauptautor Franco Modigliani 1985 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt.
Die Theorie versucht, das individuelle Spar- und Konsumverhalten über den gesamten Lebenszeitraum zu erklären – die Idee dahinter ist dabei recht simpel: Menschen wollen ihren Lebensstandard langfristig stabil halten. Da das Einkommen jedoch schwankt – niedriges Einkommen zu Beginn des Erwerbslebens, höheres in der Lebensmitte, wieder niedrigeres im Alter – sparen Menschen, um in schwächeren Phasen von ihren Rücklagen zu zehren, oder nehmen Kredite auf, um Ausgaben in die Zukunft zu verlagern. Das Spar- und Konsumverhalten wird nach dieser Annahme also nicht davon bestimmt, welches Einkommen wir gerade haben, sondern vielmehr davon, welches Einkommen wir langfristig im Laufe unseres Lebens erwarten.
Die Theorie ist nicht frei von Kritik – einige Wissenschaftler unterstellen ihr eine gewisse Realitätsferne. Zu einer ähnlichen Grundaussage kommt übrigens auch Milton Friedmans permanente Einkommenshypothese (1957): Auch sie stellt das langfristig erwartete Einkommen über das aktuelle Einkommen.
Bereits 1949 veröffentlichte James Duesenberry die relative Einkommenshypothese, die besagt, dass der Konsum eines Menschen nicht zwingend vom gegenwärtigen Einkommen abhängt, sondern auch von der gesellschaftlichen Stellung bestimmt wird. Ich vermute, dass wir alle – zumindest unbewusst – bereits Käufe getätigt haben, um eine gewisse Botschaft an unsere Mitmenschen zu senden, oder?
Wir sehen: Forscher beschäftigen sich schon sehr lange mit dem individuellen Spar- und Konsumverhalten. Doch alle diese Theorien gehen von einem Grundproblem aus: dem rationalen, vorausschauend planenden Menschen. Und genau hier setzt eine jüngere Forschungsrichtung an.
Die Behavioral-Finance-Forschung (Verhaltensökonomie) hat uns vor Augen geführt, dass Menschen nicht nach strengen Theorien handeln, sondern auch irrational denken und agieren. Menschen reagieren überproportional auf Verluste, handeln impulsiv oder werden von Verzerrungen wie dem Present Bias beeinflusst – der systematischen Übergewichtung von Gegenwärtigem gegenüber Zukünftigem. Einfach gesagt: Wir leben lieber heute, als für morgen zu planen.
All diese Faktoren spielen in unsere Entscheidungen ein und beeinflussen damit auch unser finanzielles Verhalten. Genau deshalb braucht Vermögensplanung einen ganzheitlichen, strategischen Ansatz – einen, der nicht bei Produkten beginnt, sondern bei dir. Welche Entscheidungen du finanziell triffst, hängt nicht davon ab, welche ETFs dir gerade empfohlen werden, sondern davon, in welcher Lebensphase du dich befindest und wo du langfristig hinwillst. Sehen wir uns das konkret an.
Die Lebensphasen – und was sie für die Finanzplanung bedeuten
Wir spüren intuitiv, dass mit 25 andere Dinge wichtig sind als mit 52. Unsere privaten Finanzen sollten wir entsprechend aufstellen. Es gibt nicht die eine Lösung für jeden – welche Versicherungen sinnvoll sind, welche Produkte für den Vermögensaufbau oder den Vermögenserhalt passen – die Antworten unterscheiden sich je nachdem, in welcher Phase des Lebens du dich gerade befindest.
Gemäß der Lebenszyklushypothese wird zwischen drei Lebensphasen unterschieden: der ersten Lebensphase (Kindheit bis frühes Erwachsenenalter), dem Erwerbsleben als zweiter Lebensphase und der Ruhestandsphase. In der Finanzliteratur und -beratung haben sich teilweise weitere Unterphasen herausgebildet, die das Erwerbsleben feiner aufteilen. Für das Grundverständnis ist das jedoch unerheblich. Ich verzichte bewusst auf konkrete Altersangaben, da sich die Phasen individuell sehr unterschiedlich ausprägen können.
Die erste Phase – der Berufseinstieg
Du beginnst eine Ausbildung oder startest nach dem Studium in deinen ersten Job und sammelst erste Berufserfahrung. In dieser Phase hast du wenig Erspartes und stehst am Anfang deiner finanziellen Selbstständigkeit.
Auch wenn das Budget knapp ist, legst du hier das Fundament für dein finanzielles Leben. Und du hast einen entscheidenden Vorteil: Zeit. Der Zinseszinseffekt wirkt über Jahrzehnte – Geld, das du jetzt langfristig anlegst, wächst zu einer beachtlichen Summe. Du musst nur diszipliniert bleiben.
Der Fokus sollte auf dem Aufbau eines Notgroschens und der Absicherung zentraler Risiken – allen voran der Berufsunfähigkeit – liegen. Vermeide Konsumschulden und fang an, dich mit dem Finanzmarkt auseinanderzusetzen.
Die zweite Phase – Vermögen aufbauen und konsolidieren
In dieser Phase geht es bei vielen turbulent zu. Neben der Karriere stehen häufig Familienplanung und große finanzielle Entscheidungen wie der Erwerb einer Immobilie an. Es wird komplex, Prioritäten müssen gesetzt werden. Mit großen Entscheidungen geht auch Verantwortung einher – der Absicherung existenzieller Risiken kommt jetzt eine besondere Bedeutung zu.
Mit der Zeit stabilisieren sich die finanziellen Verhältnisse. Die größten Ausgaben sind getätigt, Kinder werden selbstständiger, das Gehalt ist im Laufe der Jahre gestiegen. In dieser Phase bieten sich die größten Chancen auf einen signifikanten Vermögensaufbau – wenn man diszipliniert bleibt und verfügbares Geld nicht für Konsum ausgibt.
Je näher der Ruhestand rückt, desto drängender wird die Frage der Altersvorsorge. Wer sich damit bereits früh beschäftigt hat, ist klar im Vorteil. Wer nicht – dem wird es eng.
Die dritte Phase – der wohlverdiente Ruhestand
Diese Phase unterscheidet sich grundlegend von den ersten beiden. Nicht mehr der Vermögensaufbau steht im Mittelpunkt, sondern die Vermögensentnahme. Je nach Höhe der gesetzlichen Rente muss die verbleibende Lücke aus dem Ersparten gedeckt werden. Das Langlebigkeitsrisiko – ja, das heißt wirklich so – sollte dabei von Anfang an mitgedacht werden. Wer länger lebt als das Ersparte reicht, hat ein Problem. Für diese Phase gibt es etablierte Entnahmestrategien, die eine möglichst nachhaltige Verwendung des Vermögens ermöglichen.
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Was bedeutet das für die Praxis?
Vor jeder finanziellen Entscheidung lohnt es sich, innezuhalten und zu fragen: In welcher Phase befinde ich mich gerade – und was ist für mich in dieser Phase entscheidend? Wie viel kann ich wofür ausgeben? Welche Risiken muss ich absichern? Wie viel Zeit habe ich noch, um Vermögen aufzubauen?
Egal, welche Theorien wir lesen – eine Schlussfolgerung kann gezogen werden: Finanzentscheidungen können und sollten nicht ohne Kontext getroffen werden. Was für einen 30-Jährigen richtig ist, kann für einen 55-Jährigen fatal sein.
Private Vermögensplanung beginnt nicht mit der Frage nach der richtigen Anlage. Sie beginnt mit der Frage, wo wir gerade stehen – und was das von uns verlangt.
Quellen / weiterführende Literatur
- Wikipedia: Lebenszyklushypothese. Link zu Wikipedia
- Wikipedia: Franco Modigliani. Link zu Wikipedia
- Pressebeitrag Nobelpreis: Press release. NobelPrize.org. Nobel Prize Outreach 2026. Link zum Pressebeitrag
- Wikipedia: Relative Einkommenshypothese. Link zu Wikipedia
- Wikipedia: Hypothese permanenter Einkommen. Link zu Wikipedia
Häufig gestellte Fragen
Was sagt die Lebenszyklushypothese zur Vermögensplanung?
Die Lebenszyklushypothese, entwickelt von Franco Modigliani in den 1950er Jahren, erklärt warum Menschen ihr Spar- und Konsumverhalten nicht am aktuellen, sondern am langfristig erwarteten Einkommen ausrichten. Die Idee dahinter ist simpel: Wir wollen unseren Lebensstandard langfristig stabil halten. In einkommensschwachen Phasen wird gespart oder Kredit aufgenommen, in einkommensstarken Phasen Kapital aufgebaut, im Ruhestand entnommen. Modigliani erhielt für diese Forschung 1985 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften.
Welche Rolle spielt die Lebensphase bei der Vermögensplanung?
Sie bestimmt, welche finanziellen Prioritäten sinnvoll sind. Beim Berufseinstieg stehen Notgroschen und die Absicherung der Arbeitskraft im Vordergrund. In der mittleren Erwerbsphase gewinnen Familienabsicherung und gezielter Vermögensaufbau an Bedeutung. Im Ruhestand verlagert sich der Fokus vollständig: Nicht mehr Aufbau, sondern nachhaltige Entnahme steht im Mittelpunkt. Was für einen 30-Jährigen richtig ist, kann für einen 55-Jährigen problematisch sein.
Was ist der Present Bias – und was hat er mit meinen Finanzen zu tun?
Der Present Bias beschreibt die menschliche Tendenz, gegenwärtige Bedürfnisse systematisch stärker zu gewichten als zukünftige – selbst wenn das langfristig nachteilig ist. In der Vermögensplanung äußert sich das klassisch als aufgeschobene Altersvorsorge oder als Konsum auf Kosten des Sparens. Das ist kein Versagen, das ist menschlich. Wer den Present Bias kennt, kann gezielt Strukturen schaffen – etwa automatische Sparpläne – die das eigene Verhalten ein Stück weit korrigieren.





