Neobroker im Umbruch

Das Geschäftsmodell vieler Neobroker, das Payment-for-Order-Flow-System, wird ab Juli 2026 verboten. Dadurch werden viele Neobroker dazu gezwungen, andere Geschäftsmodelle entwickeln.

Neobroker im Umbruch

Was sich ab Juli 2026 für Neobroker-Nutzer ändert

Trade Republic, Bitpanda, Scalable Capital und Co. haben den deutschen Aktienmarkt verändert. Mit niedrigen Gebühren und einfacher Bedienung erreichen sie vorwiegend junge und digitalaffine Anleger – das Durchschnittsalter liegt bei etwa 41 Jahren, während klassische Anleger im Schnitt rund 51 Jahre alt sind, wie eine Studie von Freibauer et al. aus dem Jahr 2024 herausfand. Doch das Geschäftsmodell steht vor einem Umbruch.

Wichtigste Erkenntnisse
  • Das Geschäftsmodell der Neobroker, das sogenannte Payment-for-Order-Flow-System (PFOF), wird ab Juli 2026 verboten.
  • Das Geschäftsmodell beruht im Wesentlichen auf einem Rückvergütungsmodell zwischen Broker und Market Maker.
  • Neobroker müssen andere Geschäftsmodelle entwickeln. Die Ära des gebührenfreien Handelns dürfte damit vorbei sein.

Wie Neobroker Geld verdienen

Um das Geschäftsmodell von Neobrokern zu verstehen, muss man zunächst wissen, was ein Broker überhaupt ist. Ein Broker ist eine Art Vermittler, der deinen Auftrag zum Kauf oder Verkauf einer Aktie an einen Händler weiterleitet, der diesen anschließend ausführt. Dafür verlangt ein klassischer Broker eine Gebühr. Neobroker (siehe Wikipedia), die keine oder nur sehr niedrige Gebühren erheben, führen deine Order jedoch nicht selbst aus, sondern nutzen dafür einen Zwischenhändler – einen sogenannten Market Maker. Dieser verdient sein Geld über den Unterschied zwischen An- und Verkaufskurs, dem sogenannten Spread. Als Gegenleistung dafür, dass er die Orders des Brokers erhält, zahlt er diesem eine Rückvergütung. Dem Broker entstehen so keine eigenen Kosten, und er gibt einen Teil dieser Rückvergütung in Form von niedrigen oder gar keinen Gebühren an dich weiter. Dieses Modell nennt sich Payment for Order Flow (PFOF). Klingt nach einem Win-Win-Geschäft? Das kann es durchaus sein – doch es steht wegen möglicher Interessenkonflikte in der Kritik.

Verbot wegen möglicher Interessenskonflikte

Das Problem: Ein Broker könnte einen Anreiz haben, deine Order an den Market Maker mit der höchsten Rückvergütung weiterzuleiten – und nicht an den, der dir den besten Preis bietet. Daher hat die EU dieses System verboten. Das Verbot gilt eigentlich bereits seit März 2024, doch dank einer Übergangsfrist dürfen Neobroker in Deutschland noch bis zum 30. Juni 2026 nach diesem Modell arbeiten, siehe die Pressemitteilung des Bundesfinanzministeriums. Danach ist Schluss mit PFOF – auch für deutsche Anbieter. Ob die Bedenken berechtigt sind, ist umstritten. Die BaFin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht) kam in einer Untersuchung aus dem Jahr 2022 zu einem differenzierten Ergebnis: Bei kleinen Ordervolumina bis 2000 Euro in DAX-Aktien schnitten Anleger an PFOF-Handelsplätzen oft sogar besser ab. Bei größeren Volumina und außerhalb der Haupthandelszeiten kehrte sich der Vorteil jedoch um.

Wie reagieren die Anbieter?

Das Verbot trifft Neobroker empfindlich, da ein Grundpfeiler ihres Geschäftsmodells wegfällt. Entsprechend suchen sie nach neuen Einnahmequellen. Trade Republic entwickelt sich mit Girokonto, Debitkarte und Zinsprodukten in Richtung Vollbank. Die Zinsmarge auf Kundeneinlagen soll künftig einen Großteil der Erträge sichern. Scalable Capital setzt dagegen auf ein Abo-Modell: Mit dem Prime+-Paket zahlen Nutzer 4,99 Euro im Monat und erhalten dafür unbegrenzten Handel ohne Ordergebühren. 

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Was bedeutet das für Anleger?

Die Ära des gebührenfreien Handelns dürfte damit weitgehend vorbei sein – günstiger als klassische Filialbanken werden Neobroker aber wohl trotzdem bleiben. Der Zugewinn an Transparenz wiegt meiner Meinung nach diesen Nachteil wieder aus. Denn wie immer gilt auch hier eine alte Lebensweisheit: Im Leben ist nichts umsonst. Frag dich also immer, wie vermeintlich kostenlose oder kostengünstige Angebote wirklich funktionieren und ob sie zu deinem Lebenssituation und deiner aktuellen Finanzplanung passen.

 

Quellen
  1. Freibauer, J., Grawert, S., & Rieger, M. O. (2024). The effects of trading apps on investment behavior over time. The European Journal of Finance, 1–25. Link zur Studie
  2. BaFin (2022): Studie zur Ausführungsqualität an ausgewählten deutschen Handelsplattformen. Link zur BaFin-Studie
  3. Bundesfinanzministerium, 21.03.2024. Link zur Pressemitteilung

 

Häufig gestellte Fragen

Was ist ein Neobroker?

Ein Neobroker ist eine digitale Handelsplattform, über die ein günstiger Kauf und Verkauf von Aktien und anderen Wertpapierarten möglich ist. Anders als klassische Banken haben Neobroker keine Filialbank. Dadurch ist der Handel häufig deutlich günstiger als bei klassischen Banken.

Wie funktioniert Payment for Order Flow (PFOF)?

Neobroker, die keine oder nur sehr niedrige Gebühren erheben, führen eine Order nicht selbst aus, sondern nutzen dafür einen Zwischenhändler – einen sogenannten Market Maker. Dieser verdient sein Geld über den Unterschied zwischen An- und Verkaufskurs, dem sogenannten Spread. Als Gegenleistung dafür, dass er die Order des Brokers erhält, zahlt er diesem eine Rückvergütung. Dem Broker entstehen so keine eigenen Kosten, und er gibt einen Teil dieser Rückvergütung in Form von niedrigen oder gar keinen Gebühren an dich weiter. Dieses Modell nennt sich Payment for Order Flow (PFOF).

Was bedeutet das für mich als Anleger?

Die Neobroker passen ihre Geschäftsmodelle entsprechend an. Daher informiere dich darüber, welche Gebühren zukünftig bei dem Broker fällig werden. Auch wenn es zunächst etwas teurer werden dürfte, ist es gleichzeitig ein Zugewinn an Transparenz.